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Es darf nicht sein Teil I

Juni 30th, 2008

Sternkarte

 

Der Gedanke an die Sternkarten holte ihn fort von hier und erinnerte ihn an seine eigene Aussage, dass ein Navigator die markanten Punkte des Himmels auf der Karte nicht wieder finden würde, da sie hoffnungslos in der Leidenschaft zum Detail untergingen. Allerdings musste er zugeben, dass er letztlich wohl doch eher von seiner Warte aus sprach, denn Sternkarten empfand er schon als unübersichtlich, als er noch auf See seinen Dienst leistete. Fünfzehn oder sechzehn Jahre mochte er alt gewesen sein und er hatte sich bereits schon einen großen Namen gemacht, war längst bei der Schattengarde und zwei Jahre später wurde er zu deren Kommandant ernannt. Aber selbst wenn er schon früher derjenige gewesen wäre, der die Befehlsgewalt inne hatte, auf hoher See erteilten sie andere. So hatte er als einfacher Matrose das Deck des Schiffes geschrubbt, auf welchem er diente, half in der Kombüse Kartoffeln schälen, kletterte in der Takelage herum und schrie Occis entgegen, wenn der Sturm über die Reling peitschte. Es war ein großartiges Jahr gewesen. Und vermutlich ahnte niemand, wie überaus froh er gewesen war, endlich wieder dauerhaft festen Boden unter den Füssen zu haben. Er war bei ihr, gleichzeitig jedoch war er es auch nicht. Seine Gedanken standen selten still und sie kreisten meist um vieles und nicht nur um eine einzige Angelegenheit allein. Er hatte sich diese Art angewöhnen müssen, zu vieles gab es zu bedenken, vor allen Dingen dann, wenn man ein Mann der Tat war und keiner, der nur delegierte.

Der schweigsame Engel

Juni 16th, 2008

Sein melancholischer Blick ruhte oft auf den Menschen. Er mochte keiner von ihnen sein, trotzdem aber zogen sie ihn an und er fühlte sich ihnen sehr nahe. Xynthariel liess sich oft auf höher gelegenen Punkten nieder, um zu beobachten, wie der Sonnenschein einen weichen Schimmer auf der Haut einer jungen Frau hinterliess, wie sich Lachfältchen um die Augen eines älteren Mannes bildeten oder er lauschte einfach dem Glück erfüllten Lachen von spielenden Kindern. Er schien besser zuhören als sprechen zu können, denn er erhob nur selten seine Stimme. Die Einsamkeit schien ihm Erfüllung zu geben und er wirkte in Gesellschaft oft so sehr in sich gekehrt, dass man meinen konnte, die Anwesenheit anderer dränge ihn in einen unsichtbaren Käfig, von dem er in den Geräuschen der freien Natur flüchten kann. Er war nie einer derjenigen, die mit besonderer Stärke aufzuwarten wussten. Viel eher war er einer der Geschickten, bewies schon sehr früh einen unglaublichen Einklang mit seinem Bogen und seine Ausdauer schien für ewig anhalten zu wollen. Xynthariel’s Gesichtszüge besassen einen markanten Hauch und wirkten dennoch weich. Sein langes, hellbraunes Haar war im Nacken zu einem Zopf geflochten und schmeichelte mit seiner Farbe dem tiefen, glänzenden Braun seiner wachsamen Augen. Die Lippen waren eher schmal, hoben sich mit ihrer Farbe nicht sehr von seinem Hautton ab und wenn er lächelte, bildeten sich kleine Grübchen auf seinen Wangen. Mit seiner zurückhaltenden und verschlossenen Art verwirrte er die anderen Engeln in der Schar manchmal, inzwischen hatten sich allerdings die meisten daran gewöhnt, dass er auf Fragen oft nicht antwortete und wenn er sprach, dass er seine Worte nur einmal aussprach und sie auch auf Bitten hin nicht wiederholte und das obwohl er stets leise sprach.

 

Engel

Der Maler und seine Schwester Teil III

Juni 2nd, 2008

Ein Klimpern begleitete seine sorgsamen Finger, welche den Rahmen nach einer Falle absuchten, es wäre nicht das erste Mal, dass ein Bild mit einer solchen gesichert war. Jedoch stammte das Klimpern nicht etwa von ihm, sondern von den Münzen, welche eiligst der Handelskasse entnommen wurden. Der Ärger des Hausherren würde gross sein, so viel stand fest. Wie grosse Ausmasse er wirklich annehmen würde, das ahnte die Rothaarige jedoch erst als sie sah, dass Pedraigh das delikate Bild von der Wand abnahm und einen Sack darüber stülpte. “Bei Mask, Du wirst doch nicht …“ Mit einem Finger, den er ihr auf die Lippen legte, brachte er sie zum Schweigen. Hundegebell war von draussen zu hören, die Herrschaften waren also von ihrem spätabendlichen Spaziergang zurück und die junge Frau wurde blass. Im Gegensatz zu ihm machten ihr diese Ausflüge ganz und gar keinen Spass, sie tat es nur, weil es ihr einziger Weg zu überleben war. Und weil es das Einzige war, das sie richtig gut konnte. Aber das Bild, das ging zu weit. Wo sollten sie es verkaufen und vor allen Dingen, es würde auf ihre Spur finden, wenn es erst wieder einmal irgendwo auftauchte. Kein vernünftiger Ehemann duldete es, wenn ein solches Portrait seines Eheweibes abhanden kam und der Herr dieses Hauses würde es gleich noch weniger tun. Aber für eine Standpauke war es nun zu spät, das freudige Hundegebell verriet es und wenn sie über die Mauer kommen wollten, mussten sie weg. Und zwar jetzt.

 

Schaffen sie es noch über die Mauer?

Der Maler und seine Schwester Teil II

Mai 19th, 2008

Das Motiv zeigte eine sich auf Kissen räkelnde Frau, welche die dreissig Jahre sicherlich schon überschritten hatte und sie war schön. Vor allen Dingen aber war von Bekleidung an ihrem Körper keine Spur und das war etwas, das selbst einen Vagabunden die Luft zwischen den Zähnen hervor stossen liess. Und Pedraigh war begeistert, jedoch verrieten die Fingerspitzen, die über das Gemälde fuhren, dass er viel mehr die Machart, denn das Motiv bewunderte. “Das glaube ich jetzt nicht!“ Mit wenigen Schritten gelangte die Rothaarige zu dem Mann heran, welcher sie um fast einen Kopf überragte und boxte ihm ärgerlich in die Seite. “Bist Du eigentlich vollkommen verrückt geworden? Die werden nicht ewig ausser Haus bleiben und wenn wir erwischt werden, dann sind wir geliefert. Also beeil Dich und beweise, dass Deine Hände zu mehr nutze sind, als sich mit Farbe zu bekleckern!“ Der um einige Jahre ältere Mann, als die Frau es war, rollte lediglich mit den Augen und deutete in einer kurzen Geste auf die offene Kassette, um welche es hier eigentlich ging. “Um meine Hände mach Dir mal keine Sorgen, Schwesterherz.“ Seine Hände waren in der Tat sein Kapital und es gab kein Schloss, das vor ihm sicher war und so hatte ihm auch dieses hier keine Mühe bereitet. Als sich die Rothaarige endlich zufrieden zeigte, machte er sich ein weiteres Mal daran, das Bild näher zu betrachten.

 

Hausflur

Der Maler und seine Schwester Teil I

Mai 5th, 2008

„Pedraigh, beeil Dich! Sie könnten jeden Moment zurück kommen und wenn sie uns erwischen, dann …“ Nervös kaute die Rothaarige auf ihrer Unterlippe herum und warf immer wieder unruhige Blicke in den dunklen Hausflur hinaus, welcher lediglich von dem Laternenlicht ein wenig erhellt wurde, das draussen vor dem Haus den Gehweg beleuchtete. Schwere, rustikale Möbel verrieten den Wohlstand derjeniger, welche dieses Haus bewohnten oder liessen ihn zumindest erahnen, denn bei diesem Licht waren sie nicht sehr viel mehr denn dunkle, eckige Flecken in einem übersichtlichen Gang. Viel zu viel Zeit hatten sie schon vergeudet und sie neigte dazu hastig zu werden, wenn sie das Gefühl hatte, in Bedrängnis zu geraten. “Wir könnten längst wieder über der Mauer sein.“ murmelte sie missmutig und verengte dabei den Griff ihrer Finger, mit welchen sie das scharfe Messer fest hielt, gerade so, als würde ihr diese Geste die bemängelte Zeit verschaffen. Es war nicht das erste Mal und es würde nicht das letzte Mal bleiben, dennoch war sie stets sehr froh, wenn sie es hinter sich hatten und sich über die Beute freuen konnten. Vorfreude aber, das empfand sie nicht. Der Gedanke an den drohenden Galgen war zu lebendig, seit es vor zwei Monaten ihren Komplizen erwischt hatte, so dass sie nun nur noch zu zweit waren. “Hast Du mal einen Blick auf die Technik geworfen?“ Die Stimme oder viel mehr die Worte ihres Begleiters liessen sie aprupt herum fahren und sie warf ihm einen ungläubigen, gleichermassen jedoch auch ärgerlichen Blick zu, den er lediglich mit einem kurzen Grinsen erwiderte, nur um dann auf ein Bild zu deuten, welches an der Schlafzimmerwand hing.

 

Erinnerung an den Galgen